Thomas Landis von «F10»: «Wir wollen die FinTech-Innovation in der Schweiz befeuern»

Thomas Landis von «F10»: «Wir wollen die FinTech-Innovation in der Schweiz befeuern»

Thomas Landis

Thomas Landis, 42-jährig (Bild), Direktor ist bei der SIX Group Services AG sowie Programmmanager und Startup-Coach bei «F10» in Zürich. Dieser im Herbst 2016 gegründete Verein begleitet FinTech-Startups aus aller Welt in die Selbständigkeit und beschleunigt deren Erfolg. Thomas Landis hat einen Abschluss in «Business Administration» und einen «Master of Advanced Studies in Corporate Innovation Management». Seit seiner Schulzeit interessiert er sich für die neusten Technologietrends. Vor seinem Engagement bei «F10» war er verantwortlich für die Innovation bei SIX Payment Services. Im Gespräch mit «Evolvere» unterstreicht der erprobte Innovationsprofi: «Die Schweizer Banken- und Finanzbranche muss wie die Pharma oder die Hochtechnologieindustrie über den Quartalsabschuss hinausschauen und längerfristige Entwicklungsszenarien entwickeln. Darauf muss die Innovationstätigkeit abgestützt werden.»

Thomas Landis, was ist «F10»?
Thomas Landis: «F10» ist ein im Herbst 2016 gegründeter nichtgewinnorientierter Schweizer Verein. Dessen Zweck ist es, FinTech-Startup-Unternehmen aus aller Welt als Inkubinator in die Selbständigkeit zu begleiten und deren Erfolg als Accelerator, als Beschleuniger, rascher herbeizuführen. Initiator und Hauptsponsor von «F10» ist die SIX Group, die Betreiberin der schweizerischen Finanzinfrastruktur und Anbieterin von Dienstleistungen im Besitz von rund 140 Schweizer Banken. Neben der SIX zählen die Bank Julius Bär und das Beratungsunternehmen PricewaterhouseCoopers zu den Gründungsmitgliedern. Weitere Mitglieder sind bislang die Basler Versicherungen, Generali Schweiz, der Entwickler und Vertreiber der Bankensoftware «Olympic Banking System» ERI sowie der Kreditspezialist Eny Finance. Oberstes Ziel von «F10»: Mittels externer Ideen und Kräfte aus aller Welt die finanztechnologische Forschung und Innovation der Vereinsmitglieder stärken und damit deren Zukunft an der Spitze des technologischen Fortschritts sichern.

Weshalb haben Schweizer Finanzunternehmen Mühe, ihre Innovation intern kraftvoll voranzutreiben und rasch umzusetzen?
Thomas Landis: Schweizer Finanzunternehmen bauen ihre Stärke auf Sicherheit, Systemstabilität und grösstmögliche Verschwiegenheit. Das baut Widerstände auf gegen die Haupttreiber der laufenden Innovationswelle in der Finanztechnologie: Innovative Methoden zur Vereinfachung und Verbesserung von Prozessen erkennen, rasch testen und umsetzen. Die interne Verzögerung der Innovation ist aber brandgefährlich, weil machtvolle und innovationsfreudige Internetkonzerne wie Google, Apple oder Amazon mit aller Kraft in das Geschäftsfeld der klassischen Banken und Finanzunternehmen einzubrechen versuchen. Deshalb haben SIX und clevere Manager von Schweizer Finanzunternehmen erkannt: Wir müssen den Innovationsprozess zusätzlich extern organisieren, unterstützen und beschleunigen, um unsere Zukunft zu sichern. Deshalb gibt es «F10».

Wie arbeitet «F10» konkret?
Thomas Landis: Über SIX und unsere Vereinsmitglieder erforschen wir, welche Megatrends, Trends und Technologien im globalen und Schweizer Finanzbereich im Vordergrund stehen. Dann suchen wir im Internet, über Kontakte und an einschlägigen Veranstaltungen nach Startups, die in diesen Feldern innovative Ideen zur Marktreife bringen wollen. Aus den jeweils mehreren Hundert Treffern filtern wir in einem aufwendigen mehrstufigen Ausleseverfahren 15 Startups heraus. Die 15 Gewinner durchlaufen dann ein strukturiertes sechsmonatiges Ausbildungsprogramm. Dieses umfasst teilweise vor Ort am «F10»-Standort in Zürich und teilweise mittels modernster Kommunikation übers Internet alles, was ein FinTech-Startup aufgrund unserer Erfahrung zum möglichst raschen Erfolg braucht: ständiges Coaching, richtige Rechtsform, Businessplan, Marktstrategie, Finanzierung, Präsentationstechnik, Kontakte mit potenziellen Investoren und Kunden sowie, last but not least, Überwindung der regulatorischen Hürden. Pro Jahr werden zwei solche sechsmonatigen Programme mit 15 bis 20 Startups begonnen. Somit ermöglicht das Geschäftsmodell von «F10», Jahr für Jahr über 30 vielversprechende Innovationen voranzutreiben.

Wie wird das alles finanziert?
Thomas Landis: 
Die SIX Group hat ein jährliches Innovationsbudget. Daraus finanziert sie als Hauptsponsor fünf «F10»-Mitarbeitende sowie die Räumlichkeiten. Die laufenden Kosten werden aus den Mitgliederbeiträgen bezahlt. Jedes geförderte Startup erhält neben dem kostenlosen sechsmonatigen Förderungsprogramm eine Pauschale von 15'000 Franken. Dieses Geld dient namentlich der Abdeckung von Reise- und Aufenthaltskosten für die Veranstaltungen in Zürich. Wichtig: «F10» investiert nie in Startups. Hingegen haben die Vereinsmitglieder ein Vorrecht darauf, mit den Startups ihrer Wahl eine Partnerschaft einzugehen und deren Innovationen zu nutzen.

Gibt es schon zählbare Ergebnisse aus diesem Innovationsprozess?
Thomas Landis: 
Beispielsweise ist das im «digitalen Portemonnaie der Schweiz» Twint weitergeführte frühere Zahlungssystem Paymit ein Ergebnis des SIX-Innovationsteams, das nun im Rahmen von «F10» tätig ist. Erfolgversprechend ist auch das von «F10» begleitete Startup Veezoo: Dessen Datenanalysesoftware, die grosse Mengen von Daten auf einfachste Weise visualisiert und so für den täglichen Gebrauch nutzbar macht, deckt ein dringendes Marktbedürfnis. Ein von «F10» gecoachtes Startup ist auch Xchain, das mit der Blockchaintechnologie das «Wikipedia für die Kapitalmassnahmen von Aktiengesellschaften» aufbaut. Es entsteht eine kostengünstige und vollkommen vertrauenswürdige Informationsplattform für «Corporate Actions» wie Kapitalerhöhungen, Kapitalherabsetzungen, Aktientausche, Aktiensplits, Aktienzusammenlegungen, Aktienumplatzierungen, Ausschüttungen, Übernahmeangebote, Dekotierungen, Rückkaufangebote.

Welches sind derzeit Finanztechnologietrends, im Rahmen derer «F10» rund um die Welt nach vielversprechenden Startups sucht?
Thomas Landis: 
Die im Finanzbereich fortschreitende Verlagerung des Geschäftsverkehrs ins Internet erfordert einen rasch erreichbaren, zuverlässigen Kundenservice. Hier öffnet sich das Innovationsfeld des massgeschneiderten, von Künstlicher Intelligenz unterstützten und damit selbstlernenden «Chatbots»: Der Roboter gibt Antwort, wenn er die Frage hundertprozentig beantworten kann. Nur wenn das nicht der Fall ist, kommt ein Mensch zum Zug. Ein weiterer herausfordernder Technologietrend ist die Vereinfachung der Digitalen Identität: Da muss künftig alles bequem und dennoch vollkommen sicher ablaufen. Im Versicherungsbereich sind die übers Internet abschliessbaren «eventbasierten» Versicherungen die grosse Herausforderung: Wer über Airbnb.ch eine Wohnung für sieben Tage vermietet oder mietet, will rasch und einfach für genau diese sieben Tage eine Versicherung abschliessen, und zwar mit ein paar Klicks direkt von der Airbnb.ch-Homepage. Oder wer hin und wieder eine Wagnissportart betreibt, will die Zusatzversicherung nur für die Wagnistage mit ein paar Klicks abschliessen. Entwicklungschancen bietet des Weiteren die Blockchaintechnologie, die derzeit die Finanzwelt in Atem hält. Das Gleiche gilt für die Kreation von einfach zu bedienenden Nebenbörsen, beispielsweise für Bonuspunkte von Grossverteilern.

Ihr Schlusswort an unsere Leserinnen und Leser?
Thomas Landis: 
Die Schweizer Banken- und Finanzbranche muss wie die Pharma oder die Hochtechnologieindustrie über den Quartalsabschuss hinausschauen und längerfristige Entwicklungsszenarien entwickeln. Darauf muss die Innovationstätigkeit abgestützt werden. Wir wollen die FinTech-Innovation in der Schweiz befeuern, weil die grössten potenziellen Wettbewerber nicht die anderen Banken oder Finanzinstitute, sondern die Internetgiganten Google, Apple oder Amazon sind: Diese stecken Milliarden in den technologischen Fortschritt.