Valeria Ceccarelli und Andrea von Bartenwerffer von der Schweizer Börse: «Das Umfeld für Börsengänge ist gut»

Valeria Ceccarelli und Andrea von Bartenwerffer von der Schweizer Börse: «Das Umfeld für Börsengänge ist gut»

Valeria Ceccarelli (Bild oben), ist als Head Issuer Relations verantwortlich für die Generierung von Neukotierungen an der Schweizer Börse und für das Relationship Management mit den kotierten Unternehmen. Innerhalb des Issuer Relations Teams ist Andrea von Bartenwerffer (Bild unten) für die Betreuung der kotierten Unternehmen zuständig und damit namentlich auch für «Stage», die im letzten Herbst lancierte Visibilitäts-Initiative für an der Schweizer Börse kotierte kleine und mittlere Unternehmen. Im Gespräch mit «Evolvere» relativieren Valeria Ceccarelli und Andrea von Bartenwerffer die von der Neuen Zürcher Zeitung unlängst vorgebrachte These, wonach «Das Fenster zur Börse klemmt». Sie erläutern überdies, weshalb das «Stage»-Programm für die kleineren Kotierten auf dem Erfolgsweg ist.

Valeria Ceccarelli und Andrea von Bartenwerffer, in der «Neuen Zürcher Zeitung» vom 20. Januar 2017 wird behauptet, «Das Fenster zur Börse klemmt», und zwar vor allem wegen der wachsenden Private Equity-Aktivitäten und dem stets engeren Regulierungskorsett. Stimmt das?
Valeria Ceccarelli: 
Meine spontane Antwort lautet «ja und nein». Insbesondere in den hochentwickelten Ländern ist Private Equity eine bedeutende Industrie mit genügend Kapital zum Investieren. Das ermöglicht vielen Unternehmen, ihren Kapitalbedarf für Wachstum, Forschungsaufwendungen oder Akquisitionen mit privatem Kapital ausserhalb der Börsen zu stillen. Damit können diese Unternehmen tatsächlich länger privat bleiben. Doch es gibt glücklicherweise für uns auch eine Kehrseite: Die Private Equity-Fonds müssen den Investoren das Kapital nach sieben bis zehn Jahren zurückzahlen. Dann stellt sich die Frage, welcher Exit gewählt wird: eine neue Private Equity-Finanzierung, ein Verkauf an strategische Investoren oder ein Börsengang. Schaut man die letzten drei Jahre an, so kann rund die Hälfte des Emissionsvolumens in Europa auf sogenannte „Private Equity-backed-IPOs» zurückgeführt werden: Börsengänge von Unternehmen, deren Aktien davor hauptsächlich durch Private Equity-Fonds gehalten wurden.

Andrea von Bartenwerffer: 
Was das immer wieder bemängelte enger gewordene Regulierungskorsett für börsenkotierte Unternehmen betrifft, haben die Börsen selber darauf kaum Einfluss. Die Regulierungen werden in Europa namentlich im Dienste des Investorenschutzes in erster Linie von den nationalen und europäischen Behörden vorangetrieben. In der Schweiz kommt zuweilen auch das Volk zum Zug, beispielsweise bei Initiativen wie derjenigen von Thomas Minder. Die Schweizer Börse selber hat in den letzten Jahren auf Wunsch der kotierten Unternehmen lediglich die Meldung der Managementtransaktionen nutzerfreundlicher reguliert. Derzeit wird aufgrund einer Vernehmlassung die Regulierung für die Nachhaltigkeitsberichterstattung ausgearbeitet, die freiwillig bleiben wird. Ausserdem ist zu unterstreichen: Im Gegensatz zu den USA kennt die Schweiz nur die Halbjahresberichterstattung und damit keine obligatorischen vierteljährlichen Berichte. Auch die Europäische Union hat die Quartalsberichterstattung zugunsten einer halbjährlichen Berichterstattung abgeschafft - die Umsetzung bleibt allerdings den einzelnen Ländern überlassen.

Wie viele Neuzugänge und Abgänge gab es an der Schweizer Börse in den letzten Jahren?
Andrea von Bartenwerffer: 
Im Jahr 2016 kamen fünf neue Unternehmen an die SIX Swiss Exchange: Varia US Properties AG, KTM Industries AG, Investis Holding AG, VAT Group AG - mit einem «Private Equity-backed-IPO» - sowie Wisekey International Holding AG. 2015 haben sich Sunrise Communications Group AG - ebenfalls mit einem «Private Equity-backed IPO» -, Cassiopea SpA und Plazza Ltd. dem Publikum erstmals geöffnet. Zwischen 2000 und 2016 umfasst die Liste aller Neuzugänge an der Schweizer Börse insgesamt 120 Unternehmen. Im gleichen Zeitraum waren 147 Börsenabgänge zu verzeichnen. Fast zwei Drittel davon sind auf Zusammenschlüsse und Unternehmensverkäufe oder einen «Squeeze-out», den Auskauf von Minderheitsaktionären durch die Mehrheitsaktionäre, zurückzuführen. Bei rund 15 Prozent waren eine ungenügende Liquidität oder Kostenreduktionen die Ursache und bei rund 10 Prozent eine Liquidation.

Wie sieht es in diesem Jahr aus?
Valeria Ceccarelli: 
Die Volatilität an den Börsen hat sich im Vergleich zum letzten Jahr auf einem tieferen Niveau stabilisiert. Zudem sind die Bewertungen an der Börse recht hoch, was einen Börsengang für die Unternehmen attraktiv macht. Das Umfeld für Börsengänge ist somit gut. Tatsächlich sind auch bereits zwei Transaktionen angekündigt worden. Das Gesundheitsunternehmen Galenica will mit seiner Retailsparte Santé, der grössten Apothekenbetreiberin der Schweiz, einen Börsengang durchführen. Des Weiteren soll im Zuge des Erwerbs des Schweizer Pharmaunternehmens Actelion durch Johnson & Johnson dessen Forschungs- und Entwicklungsabteilung samt der Produktepipeline als neues Biotechunternehmen namens Idorsia an die Schweizer Börse gebracht werden. Wenn die Marktkonditionen weiter gut bleiben, werden wir in der näheren Zukunft wahrscheinlich weitere Börsengänge sehen.

Welches sind denn eigentlich die Vorteile eines Börsengangs?
Valeria Ceccarelli: 
Mit einem Börsengang werden in erster Linie die Kapitalbedürfnisse eines Unternehmens für das Wachstum gedeckt. Darüber hinaus gibt es mannigfaltige zusätzliche Vorteile: Die mit dem Börsengang verbundene Publizität verschafft mehr Visibilität bei Kunden, Lieferanten, Geschäftspartnern aller Art sowie – last but not least – potenziellen neuen Mitarbeitenden, zumal sich mit liquiden Aktien Gehaltsprogramme kreieren lassen. Börsenkotierte Aktien sind überdies eine «Akquisitionswährung»: Man kann damit den Kaufpreis für andere Unternehmen teilweise oder ganz abgelten. Und an der Börse täglich gehandelte liquide Aktien machen das Unternehmen für viele private und institutionelle Investoren, Vermögensverwalter und Fonds meist überhaupt erst erreichbar.

Wie unterstützen Sie potenzielle Börsenkandidaten?
Valeria Ceccarelli: 
Dafür läuft bei uns ein umfassendes Informations- und Ausbildungsprogramm. Wir organisieren Informations- und Weiterbildungsveranstaltungen über die Chancen des Börsengangs sowie die dazugehörigen Prozesse, Bedingungen und Anforderungen. Wir orten Börsenkandidaten und führen persönliche Gespräche mit ihnen. Und wir stellen gut verständliches Informationsmaterial zur Verfügung, beispielsweise auf Deutsch die Broschüre «Unser Going-Public-Prozess bringt Sie effizienter an die Börse» und auf Englisch das umfassendere Handbuch «Going Public on SIX Swiss Exchange».

Nach dem «Going Public» folgt das «Being Public»: Was wollen Sie mit dem «Stage-Programm» erreichen, der im letzten Herbst lancierten Visibilitäts-Initiative für kotierte kleine und mittlere Unternehmen?
Andrea von Bartenwerffer: 
Damit der über den Börsengang erreichte Kapitalmarkt wirklich effizient genutzt werden kann, braucht es ein Mindestmass an Handelsliquidität in einer Aktie. Oft mangelt es wegen eines ungenügenden Informationsflusses bei den Aktien von kleineren und mittleren Unternehmen an der notwendigen Liquidität. Das im letzten Herbst von uns lancierte «Stage-Programm» setzt genau an diesem Punkt an: Die teilnehmenden Unternehmen steigern mit gezielten Massnahmen ihre Wahrnehmung, um damit eine angemessene Bewertung zu erreichen. Die Emittenten können aus verschiedenen «Visibilitäts»-Angeboten auswählen. Die Basis bildet ein regelmässig aktualisiertes Factsheet, erstellt von Morningstar. Dazu kommen Schulungen und gezielte Informationen. Zusätzlich zum Basisangebot können die Unternehmen eine Research-Abdeckung beziehen. Diese wird durch renommierte Schweizer Banken sichergestellt, derzeit von der Bank Vontobel und der Zürcher Kantonalbank.

Gibt es da nicht Interessenkonflikte?
Andrea von Bartenwerffer: 
Um mögliche Interessenkonflikte zu vermeiden, haben weder die Emittenten noch die Banken einen Einfluss auf die Verteilung der Research-Mandate: Diese erfolgt nach einem Zufallsprinzip. Ergänzend wurde eine Research-Kommission ins Leben gerufen, um die Interessen der verschiedenen Parteien zu berücksichtigen. Sie setzt sich aus zwei Vertretern von kotierten Unternehmen, einem Investor, einem Vertreter der Wissenschaft sowie zwei Mitarbeitenden der Börse zusammen. Sie ist ein beratendes Gremium von SIX Swiss Exchange. Alle Einzelheiten über «Stage» sind in der Broschüre «Zeigen Sie Ihre Stärke: Erhöhen Sie Ihre Präsenz im Markt» zu finden.

Wie viele Unternehmen machen bei «Stage» bereits mit und wie viele streben Sie an?
Andrea von Bartenwerffer: 
In dieser Startphase von «Stage» nehmen sechs Unternehmen teil. Wir streben an, in einer ersten Phase 10 bis 20 Unternehmen in das Programm zu holen. Wir sind überzeugt: Es lohnt sich für die Unternehmen, weil sie damit ihr «Being Public» kostengünstig vervollkommnen können.